Im Rennsport ein Reitpferd kaufen: Ein Guide

„Rennpferde kommen nach ihrer Karriere in die Wurst“ - dieses Gerücht hält sich hartnäckig und ruft immer wieder vermeintliche Pferde-Retter auf den Plan. Dabei handelt es sich um gefragte Freizeit- und Reitsport-Partner sowie natürlich um Veredler für die Reitpferde-Zucht. „Blut ist der Saft, der Wunder schafft“: Der Spruch kommt nicht von ungefähr. 

 

Doch diese Pferde sind nicht für jedermann geeignet. Ebenso, wie nicht jeder Hundebesitzer einen Border Collie halten und nicht jeder Autofahrer einen Sportwagen fahren sollte. Beim Kauf und auch bei der Ausbildung zum Reitpferd gilt es einiges zu beachten. 

 

Was kann ein Ex-Galopper? 

 

In der Vollblutzucht gibt es ein wesentliches Zuchtziel: Speed. Da Rennen auf kurzen und langen Distanzen, festem und weichem Boden gelaufen werden, gibt es Vollblüter von sehr klein und zierlich bis sehr groß und grob (i.d.R. zwischen 155cm und 168 cm, wobei es Ausschläge in beide Richtungen gibt). Rennpferde für tiefen Boden (= schlechtes Wetter) bringen oftmals einen aufwändigen Bewegungsablauf mit, der auch im Dressurviereck gut ankommt. Es gibt eine eigene Zucht für Hindernispferde, die teils gewaltige Aufgaben lösen: Das umstrittene Grand National in England ist z.B. 6,9 Kilometer lang und umfasst 30 Hindernisse bis 152 cm. Das entspricht einem S***-Springen; allerdings bei 40 km/h und mehr über feste Hindernisse. Aus Tierschutzsicht ist dieses Rennen fragwürdig, aus sportlicher Sicht ist das Springvermögen und die Härte der teilnehmenden Pferde nicht zu verleugnen. 

 

Was kennt ein Ex-Galopper? 

 

Das Training in Rennställen ist so unterschiedlich, wie auch in Dressur- und Springställen. Viele Rennställe haben eine Führmaschine, in der die Pferde aufgewärmt werden. Geputzt und gesattelt wird oftmals in der Box (Achtung: anbinden außerhalb der Box muss man üben!). Dann geht es im Lot, also in der Gruppe, raus zum traben, cantern und galoppieren. Der Mythos vom Rennpferd, das draußen nur rennt, ist i.d.R. quatsch: Ein Galopper muss in Gesellschaft gut regulierbar sein. Alles andere wäre im Rennsport-Alltag viel zu gefährlich. Allerdings wird teils mit anderen Hilfen gearbeitet: So gilt z.B. Pfeifen bei Rennpferden aus aller Welt als Signal zum Anhalten. Auch mit straffen Zügeln sollte man im Galopp vorsichtig sein; ggf. versteht ein Rennpferd das Aufnehmen als Signal, das nun der Endkampf beginnt und die Zeit für Vollgas kommt. 

 

Ein ganz durchschnittliches Rennpferd wird Ende einjährig nach einem Tierarzt-Check angeritten und fortan regelmäßig von einem leichten Reiter im Schritt, Trab und Galopp bewegt. Die Linien sind groß Linien und das Tempo gleichmäßig - damit wird es aus Reitsport-Sicht zu einer Remonte. Allerdings eine Remonte, die viel Routine unter dem Sattel und am Renntag schon einiges erlebt hat. Das Equipment ist im Rennsport tendenziell sehr schlicht: Ein leichter Trainingssattel, eine Wassertrense und möglichst wenig Riemen um die Nase. Das Thema Koppel wird in den Rennställen sehr unterschiedlich gehandhabt: Manche stellen ihre Pferde tagtäglich und stundenlang raus, während andere ihre Pferde nur an der Hand grasen lassen. 

 

Für wen eignen sich Ex-Galopper? 

 

Vor allem für sportliche Freizeiteiter sind Vollblüter bestens geeignet: Ein sensibler und stetig motivierter Partner, der mit einem durch Dick und Dünn geht. Wer sich einen jungen Ex-Galopper direkt aus dem Rennstall kauft, sollte Erfahrung mit Jungpferden haben und möglichst auch einen guten Trainer zur Hand (mit Vollbluterfahrung). Es gibt auch diverse Stellen, die Ex-Galopper umschulen und dann als startfertiges Reitpferd anbieten. Für Anfänger, Grobmotoriker und hektische Menschen sind diese Pferde i.d.R. nicht geeignet. Wer nicht gerne galoppiert, kauft bitte auch keinen Ex-Galopper. 

 

In den unteren Turnierklassen sind Vollblüter weitreichend vertreten; wer höher hinaus will, muss beim Kauf etwas genauer hinschauen. Auf Grund der erwähnten Zuchtziele kommen Vollblüter in allen Formen und Farben und mit ganz unterschiedlichen Talenten. Es gibt erfolgreiche Blüter im gehobenen Dressur-, Spring-Sport u.v.m., doch am häufigsten sind diese Pferde in der Vielseitigkeit zu finden. Und: Ja, es gibt auch Pferde, die sich im Training verletzen oder erkranken. Sofern möglich, werden diese Pferde bewusst als Reha-Patienten, bedingt reitbar oder Beisteller in passende Hände vermittelt. 


 Eine schöne Sammlung an Geschichten ausrangierter Galopper findet man auf www.rennpferde-rente.de

 

Wo kann ich Vollblüter kaufen? 

 

www.vollblutmarktplatz.com 

 

Eine kostenlose Verkaufsplattform für Vollblüter. 

 

www.bbag-sales.de 

 

Mehrfach im Jahr findet in Iffezheim die renommierte Vollblut-Auktion statt. Hier werden Galopper in unterschiedlichen Preisklassen sowie Zuchtstuten angeboten. 

 

www.libertyshome.org 

 

Ein Verein, der Ex-Galopper zu Reitpferden umschult und vermittelt. 

 

Direkt im Rennstall 

 

Viele Rennställe inserieren ihre Verkaufspferde auf der eigenen Web- oder Facebook-Seite. Man kann die Ställe auch abtelefonieren, um die aktuellsten Kandidaten zu finden. 

 

Einzelne Vermittler 

 

Es gibt zahlreiche Bereiter und/ oder Privatpersonen, die Pferde aus dem Rennstall aufnehmen, ausbilden und vermitteln. Es lohnt ein Blick auf die einschlägigen Facebook-Gruppen (z.B. Ex-Galopper gesucht) sowie natürlich Ebay Kleinanzeigen und Ehorses. 

 

 

Worauf muss man beim Kauf eines Ex-Galoppers achten? 

 

Die Zucht und Haltung von Rennpferden ist sehr teuer (Decktaxen bis 6-stellig, monatliche Boxenmiete bis 4-stellig); entsprechend werden diese Tiere so gut wie nie ohne einen guten Grund in Rente geschickt. Darum ist die erste und spannendste Frage: Warum wird das Pferd verkauft? Hier ist - wie bei jedem Pferdekauf - ein waches Auge und gesunder Menschenverstand gefragt.

In der Regel lohnt ein Blick auf die Renn-Historie und die -Videos. Lief das Pferd durchgehend schlecht, ist es vielleicht untalentiert, spätreif oder unmotiviert. Lange Pausen oder plötzliche Leistungseinbrüche können (müssen natürlich nicht) eine Verletzung bedeuten. Geht z.B. ein frischer Sieger in Rente, lohnt ein kritischer Blick auf den Gesundheitsstatus. Auch lohnt ein Gespräch mit den Pflegern und Arbeitsreitern: Ist das Pferd im Alltag artig? Und am Renntag? Wenn Vollblut-Profis Worte wie „ein bisschen wild“ oder „speziell“ nutzen, ist für Ottonormal-Reiter Vorsicht geboten. 

 

Gesunde und artige Vollblüter von der Bahn werden inzwischen zu normalen Freizeitpferde-Preisen gehandelt. Immer häufiger sind auch Versuche zu beobachten, geeignete Youngster gezielt in den ReitSPORT zu vermarkten. Die Qualität der Verkaufsanzeigen wird besser (teils  werden Verkaufspferde extra eingesprungen, um ihre Eignung für die Vielseitigkeit zu zeigen) und die Preise steigen. 

Wenn man sich einen AUSRANGIERTEN HOCHLEISTUNGSSPORTLER kauft, ist ein gründlicher Vet Check sicherlich sinnvoll. Von Aktionen wie „Pferd gegen Cash“ sollte man dringend die Finger lassen und auf einen ordentlichen Kaufvertrag bestehen. Ansonsten gelten die selben Regeln, wie bei jedem anderen Pferdekauf: In den Stall gehen und aufmerksam zuschauen. Wie ist die Atmosphäre? Wie gehen die Menschen mit den Tieren um? Wie wird das Pferd trainiert und wie ist der Ausbildungsstand? Werde ich mit diesem Pferd glücklich? Und, noch wichtiger: Wird das Pferd mit mir glücklich? 

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Über die Autorin: Janina Beckmann ist gelernte Sportjournalistin und Reitsport-Lektorin. Sie war jahrelang im Rennsport aktiv (Arbeitsreiterin, Amateurin und später Besitzerin). Heute lebt sie mit ihren Ex-Galoppern in Luhmühlen und betreibt neben der Plattform Vollblutmarktplatz den persönlichen Blog „Ein Rennpferd geht in Rente“ (von der Rennbahn in die Vielseitigkeit).